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Die Geschichten in uns: Vom Schreiben und vom Leben

by Benedict Wells

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Wen kümmert am Ende irgendein mieser Erstentwurf? Hauptsache, er hat uns Erkenntnisse für die späteren, besseren Versionen geliefert. Man kann beim Schreiben alles überarbeiten – außer weiße Seiten.
Unsere Widersprüche erzeugen Spannung, denn sie machen uns unberechenbar; für andere, aber auch für uns selbst. «Der Mensch kann zwar tun, was er will», lesen wir bei Arthur Schopenhauer. «Aber er kann nicht wollen, was er will.» Darin liegt die Tragik. Darin liegen die Geschichten.
Ein fiktiver Text beginnt als ein gelenkter Traum, beim Überarbeiten wacht man auf und deutet ihn.
Treffen sich zwei Autor:innen. Sagt die eine: «Schreiben hat für mich etwas von einem bewölkten Himmel bei Nacht: Man sieht maximal eine Handvoll Sterne, ansonsten ist alles schwarz. Die Lichtpunkte, das sind die wenigen wirklich inspirierten, guten Momente. Das Dunkle, das ist der ganze Rest: die Zweifel, Rückschläge und unzähligen Jahre, in denen man einfach nur hart am Text arbeitet.» Sagt der andere: «Aber wieso machen wir es dann?» Antwortet die eine: «Keine Ahnung ... Ich glaube, ich sehe einfach gern in den Himmel.»
Wir müssen unsere Figuren nicht mögen, aber verstehen. Am besten sollten wir ihre Gefühle nicht nur behaupten, sondern sie beim Schreiben selbst durchleben. Auf diese Weise kann eine Geschichte auch dann wahrhaftig werden, wenn sie fiktiv ist: Alles erfunden, aber alles empfunden.
Man wird mit jedem Buch aufs Neue erwachsen.
Wenn wir wild geträumt haben: Wer war diese fremde Person, die in unserem Namen die seltsamsten Dinge gesagt, gefühlt und getan hat? Und: Ist sie verwandt mit der Person, in die wir uns beim Schreiben verwandeln? Denn beim Erzählen sind wir wie beim Träumen nur noch bedingt wir selbst; sind zärtlicher und klüger, sind erratischer und brutaler. Wir können lieben, wie wir nie zuvor geliebt haben, aber manchmal auch eine Figur töten. Wir spielen nicht mehr nach unseren eigenen Regeln, sondern nach den Regeln einer anderen Welt.
Mit diesem Gefühl vollendete ich das erste lange Kapitel meines neuen Romans, der später Spinner wurde, und von den unzähligen schwachen Texten, die ich in meinem Leben geschrieben habe, ist das mit Abstand der schwächste. Dieses erste Rohkapitel ist so schlecht, dass man dem Verfasser im Grunde nicht nur dringend hätte abraten müssen, es weiter als Schriftsteller zu versuchen. Man hätte auch in seine Wohnung eindringen, seinen Computer mit der Axt zerschlagen und alle jemals ausgedruckten Seiten aus dem Fenster werfen müssen.
Wir sind Menschen, wir machen unser Leben lang Fehler. Wir haben blinde Flecken, sind widersprüchlich und schwach, enttäuschen uns und andere und tun oder sagen Dinge, die wir später bereuen. Doch zugleich ist eine der schönsten Eigenschaften, die wir haben, aus Fehlern lernen und uns ändern zu können. Und wenn wir schreiben, können wir sogar zu manchen Momenten zurückkehren und es besser machen.
Beim Schreiben kriegt man die Frucht nur mit der harten Schale.
Die Seile und Auffangnetze waren gerissen, dies war der Boden, doch ohne Eltern aufzuwachsen brachte uns einander nahe. Wir prügelten und versöhnten uns wie Geschwister und schipperten im selben wackligen Boot durch die Kindheit.
Die zwei großen Gemeinsamkeiten aller Menschen, die Kunst gemacht haben? Sie fingen irgendwann an. Und: Sie gaben bei den ersten Problemen nicht auf. So simpel. Scheitern beim Schreiben bedeutet nicht, mit einer Buchfassung zu scheitern; scheitern beim Schreiben bedeutet, dass man entweder gar nicht erst anfängt oder irgendwann aufgibt.
Und dann ließ ich los. Schaffte es wochenlang kaum aus dem Bett, aß jeden Tag Nudeln mit Parmesan, schrieb keine Zeile. Einzelhaft in einer Zelle, deren Tür offenstand.
Der Grund, wieso selbst die Besten bei ihrem zehnten Roman noch Anfängerfehler machen, ist für mich, dass das Geschichtenerzählen nur zur Hälfte ein Handwerk ist, das man zu beherrschen lernt. Genauso wichtig ist die Fantasie, und das dafür zuständige «Es» bleibt auch nach lebenslanger Übung ein unberechenbares Kind.
Schmerz ist eine kräftige Tinte, doch oft muss er erst erkalten.
Es gibt kein Ende der Einsamkeit, sie ist in den Stoff unserer Seele gewebt und gehört zu uns. Man kann nur den Umgang mit ihr ändern. Auch das Schreiben hat kein Happy End, es kann das Loch im Innern nicht auffüllen. Ein Schritt in der fiktiven Welt ersetzt nie den Schritt in der Wirklichkeit. Man führt seine Figuren einem logischen Ende und einer reifen Erkenntnis zu, lässt sie Bindungsängste, Verletzungen und andere Hürden überwinden, während man als Mensch weiter durch sein Leben stolpert und den Weg sucht.
Die Frage ist für mich nicht, wieso ich mit dem Schreiben anfing, sondern wieso es das einzige von unzähligen kindlichen Hobbys war, zu dem ich als Erwachsener zurückkehrte.
Wie beim Verliebtsein liegen die besten und schlimmsten Momente eng beisammen, weshalb Autor:innen oft mixed signals senden: mal scheint Schreiben das Tollste auf der Welt zu sein, mal das Schwierigste und zum Verzweifeln. Beides ist wahr.
Ich glaube an die «Unschärferelation» in der Literatur: dass Texte sich allein dadurch verändern, dass andere Menschen darauf geblickt haben, obwohl die Worte selbst gleichgeblieben sind. Im besten Fall fühlt man sich in der Geschichte von anderen verstanden, so wie diese sich umgekehrt von einem gesehen fühlen. Wir reden von uns und meinen die anderen, wir sehen die anderen und erkennen uns selbst.
Oft liegt ein Trost darin, unsere Erfahrungen in ein fremdes Gewand zu kleiden und so zu kontrollieren: In der fiktiven Geschichte des nach langer Krankheit verstorbenen Bruders verbirgt sich in Wahrheit die echte Erinnerung an die letzten Jahre des an Demenz leidenden Vaters. Der Roman über eine gescheiterte Ehe entsteht aus einer nie erfüllten eigenen Liebe. Und eine Autorin flieht aus einem Kriegsgebiet und berichtet im Roman nicht davon, sondern von einem geflüchteten Jungen, dem etwas anderes widerfuhr. Das Erfundene als Schutzraum. Die Frage ist, wo man die Wahrheit verortet: in der Handlung oder in den Gefühlen dahinter?
Wir brauchen die Geschichten in uns, aber auch die von anderen, weil wir in ihnen unser Menschsein erkennen; das Vertraute und Fremde, das Gute und die Abgründe.
Ideen sind ungebunden und frei, eine geschriebene Geschichte werfen wir in Ketten aus Tausenden von Sätzen.
Es ist die Stimmung dieser Abende, die später wie ein Tintenfass neben mir steht, wenn ich Geschichten erzähle.
Wir alle haben einzigartige Erfahrungen und sind aus unterschiedlichsten Gründen einsam, wütend und verletzt, und doch kommen wir uns in der Einsamkeit, in der Wut, im Schmerz, aber auch in der Liebe besonders nahe. Nur so ist es möglich, Geschichten zu erzählen, die uns nicht passiert sind. Und uns umgekehrt beim Lesen von Texten fremder Menschen verstanden und weniger allein zu fühlen – oder uns in diesem verzerrten Spiegel sogar selbst zu erkennen.
Alle Seiten sind weiß, aber sie unterscheiden sich voneinander. Manche sind zäher als der Rest. Und andere tiefer, dann reichen sie hinab in unsere innersten Gefühle und Gedanken.
Ein Text ist nie mehr als ein schwarz-weißer Architekturplan, die Gebäude errichten die Menschen, die ihn lesen. Sie füllen das Weiße zwischen den Zeilen mit Farbe und erschaffen sich ihre eigenen Werke.
Sage mir, welchen tieferen Konflikt Du in Deinem Leben hast und wie Du mit ihm umgehst, und ich beginne zu ahnen, wer Du bist ...

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